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Die Kunstpraxis der Mendikanten (abgeschlossen)

Die Kunstpraxis der Mendikanten als Abbild und Paradigma interkultureller Transferbeziehungen in Zentraleuropa und im Kontaktgebiet zu orthodoxem Christentum und Islam

Laufzeit: 2005-2011

Projektleitung:
Prof. Dr. Carola Jäggi (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Christliche Archäologie und Kunstgeschichte),
Prof. Dr. Klaus Krüger (FU Berlin, Kunstgeschichte)

Projektbearbeiterinnen:
Dr. Margit Mersch (Erlangen),
Dr. Ulrike Ritzerfeld (Berlin)

Kooperationspartner:  Prof. Michael Borgolte (Humboldt-Universität zu Berlin) und Prof. Bernd Schneidmüller (Ruprecht-Karls Universität Heidelberg) als Koordinatoren des Schwerpunktprogramms sowie weitere 14 deutsche Universitäten

Mittel: Deutsche Forschungsgemeinschaft

 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft richtete im Juli 2005 das historisch-transdisziplinäre Schwerpunktprogramm 1173 „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ für insgesamt sechs Jahre ein. Das Programm umfasste 23 Einzelprojekte, die dezentral an 18 deutschen Universitäten betrieben wurden. Daran beteiligt war über alle drei Bewilligungszeiträume auch das kunsthistorische Forschungsprojekt von Prof. Dr. Carola Jäggi (Erlangen) und Prof. Dr. Klaus Krüger (Berlin), das sich mit der spätmittelalterlichen Architektur und Bildkunst der Bettelorden im Mittelmeerraum beschäftigt.

Das Forschungsprojekt betrachtete Bildwerke und Bauwerke als Dispositive, in denen sich die kulturelle Kommunikation zwischen den Mendikanten und ihren Zielgruppen im Zentrum und an der Peripherie des spätmittelalterlichen Europas konkretisiert. Es beabsichtigte die Klarlegung des Beitrages, den die Bettelorden mittels dieser Dispositive zur Integration oder zur Desintegration, zur Homogenisierung oder zur Pluralisierung der europäischen Kultur des Mittelalters leisteten. Dabei interessierten insbesondere die multikulturell bzw. multi­religiös geprägten Regionen des Mittelmeerraums. Anhand von exemplarischen Einzel­unter­suchungen ausgewählter Bau- und Bildkunstwerke in Süditalien, Istanbul, Griechen­land, Zypern und Südspanien sollte ein möglichst breites Spektrum an mendikantischen Praktiken der Abgrenzung, Anpassung, Repräsentation und Einflussnahme sowie ihre Auswirkungen und Resonanzen aufgezeigt werden. Abschließend wurden die Ergebnisse aus den interreligiösen Kontaktzonen im Zusammenhang mit der Kunstpraxis der Mendikanten in Zentraleuropa in einer komparatistischen Studie verarbeitet, die systematische und strukturelle Zu­sammenhänge in den Entwicklungen der mendikantischen Kunstpraxis in unter­schied­lichen Kulturregionen und damit Möglichkeiten und Grenzen der symbolischen Kommu­ni­kation und des Kulturtransfers zwischen den Bettelorden und ihrer jeweiligen Klientel ver­deutlichte.

Am Beginn der ersten Laufzeit des Projekts stand eine Aufarbeitung der Architektur und Bildkunst der Franziskaner und Dominikaner in ihren Kernlanden, insbesondere in Mittelitalien, um eine methodische und materielle Basis für die im Laufe der weiteren Arbeit zu ziehenden Vergleiche mit ihrem Wirken und ihrer Kunst in der Fremde zu erstellen. Auf den gewonnenen Erfahrungen aufbauend richtete sich der Blick anschließend auf die Verhältnisse in Apulien und Istanbul/Pera, zwei „hotspots“ religiöser und kultureller Diversität (Regionen mit lateinischen, griechisch-ostkirchlichen, jüdischen und muslimischen Bevöl­kerungsanteilen), die verschiedene Konstellationen interkulturellen Kontakts ver­körpern. Die spätmittelalterliche Grecìa Salentina im südlichen Apulien, und hier insbesondere das Beispiel Galatina mit seiner architektonisch außergewöhnlichen und reich mit Fresken ausgestatteten Franziskanerkirche S. Caterina, bot die Situation einer bereits seit Jahrhunderten etablierten bireligiösen und bilingualen Regionalkultur. Während „Lateiner“ und „Griechen“ hier mehr oder weniger spannungsreich mit- und nebeneinander lebten, basierten die regionalen Kunststile als genuine Mischstile auf lateinischen wie griechischen und auch muslimisch-arabischen Traditionen.

Dagegen war Pera (Galata), wo die große Dominikanerkirche St. Dominikus bis heute als Arap Camii „überlebt“ hat, eine genuesische Kolonie am goldenen Horn, die in besonders guten Beziehungen zu der nach der lateinischen Okkupation im benachbarten Istanbul erneut eingesetzten Palaiologendynastie stand. Im Gegensatz zu Apulien war hier die multikulturelle Situation jung und in besonderer Weise von diplomatischen und merkantilen Relationen geprägt. In beiden Fällen erfolgte die Ankunft und Verbreitung der Mendikanten – gefördert sowohl von den lokalen weltlichen Machthabern als auch vom Papsttum – unter der ihnen eigenen Aufgabenstellung der urbanen lateinischen Seelsorge und der damit verbundenen Häresiebekämpfung und Missionierung (umfassend verstandenen als Evangelisierung von Christen wie Nichtchristen). Dabei suchten die Orden trotz der Besitzlosigkeit ihrer Niederlassungen und der mehr oder weniger intensiven Einflussnahme der Stifter immer auch ihre architektonische und bildliche Programmatik umzusetzen. Diese paradigmatische Typenbildung im Dienste mendikan­tischer Reformideen und Ordenspropaganda schloss jedoch keineswegs eine gleichzeitige Flexibilität gegenüber regionalen Einflüssen oder Ansprüchen von Seiten der Stifter aus. Ganz im Gegenteil: Die Forschungsergebnisse der ersten Projektphase bezeugen, dass die pro­grammatischen Absichten durchaus in Übereinstimmung mit den Interessen der Stifter stehen konnten. Gemeinsames Ziel war die Symbolisierung und Inszenierung einer kirchenreformerischen Frömmigkeit und – einhergehend mit repräsentativen Zielen – die machtpolitische Integration der Bevölkerung. Am Beispiel Apuliens wird deutlich, dass die von den Mendikanten eingeführte innovative Kunst vor Ort sogar eine besondere Ausstrahlung entfalten konnte und auf diese Weise der Fortsetzung der althergebrachten lokalen Kunsttradition entgegen wirkte. Von der Verbreitung des neuen Stils ist jedoch nicht auf eine bewusste Desintegration mit künstlerischen Mitteln als Strategie der mendikantischen Mission zu schließen. So wurden gerade in der für die Kunstentwicklung Apuliens impulsgebenden Franziskanerkirche S. Caterina in Galatina typisch mendikantische Architektur- und Dekorelemente und Bildinhalte mit der lokalen Kunsttradition verquickt. Ihre Gestalt legt eher eine gezielte Inkorporation und nicht etwa eine Desintegration der heimischen Kultur als Ziel von Stifter und Orden nahe.

In zweiten Antragszeitraum des Projekts standen Bau- und Bildkunstwerke aus dem Wirkungsraum der Mendikanten in den nach 1204 von den Lateinern eroberten Gebieten Griechenlands und Zyperns im Zentrum der Forschungen. Anders als im Fall der vorher untersuchten Regionen waren die Bearbeiter hier mit besonders komplexen und teils kurzzeitig wechselnden Konstellationen interkulturellen Kontakts konfrontiert, was die getrennte Untersuchung der einzelnen Herrschaftsgebiete notwendig machte. Zunächst wendeten sie sich Westgriechenland mit dem (französischen) lateinischen Fürstentum Achaia auf der Peloponnes und dem von Venedig beherrschten Negroponte (dem heutigen Euböa) zu. Das nur mittelbar süditalienisch beeinflusste byzantinische Despotat Epirus, das im 14. Jahrhundert unter serbische und albanische und erst im 15. Jahrhundert kurzfristig auch unter italienische Herrschaft kam, diente als Referenzregion, um die Reichweite sogenannter westlicher Kunsteinflüsse vergleichend erfassen zu können. Als geeigneter Ausgangspunkt für die Untersuchung präsentierte sich die gut erhaltene spätmittelalterliche „Kirchen­landschaft“ in und um Arta. Als interessante Ergebnisse sind festzuhalten: 1) In der besonders interessierenden Frage der Implementierung überregionaler Kunststandards durch die Mendikanten bzw. ihr Umfeld waren eher medienspezifische als regionale, politisch bedingte Unterschiede zu beobachten. So sind in der lokalen Sakralarchitektur diverse Übernahmen gotisch-westlicher Architektur- und Skulpturelemente auffällig, während in der Malerei ein weitgehendes Fehlen westlicher Charakteristika zu konstatieren ist. 2) Überraschende Bezüge deuteten sich zwischen den Dominikanerkirchen in Andravida und Pera und der mutmaßlichen Dominikanerkirche im ehemaligen Negroponte (Chalkis auf Euböa) an. Möglicherweise zeigt sich hier ein früher programmatischer Kirchenbautyp der Dominikaner, der um die Mitte des 13. Jahrhunderts nicht nur in so wichtigen Niederlassungen wie Piacenza, Perugia und Köln, sondern auch in den bisher eher randständig erscheinenden Städten der östlichen Kolonien realisiert wurde. Damit werden Kategorien wie „Zentrum und Peripherie“, die auch in der Konzeptualisierung des Forschungsprojektes zum Ausdruck kamen, zunehmend fragwürdig in ihrer Anwendbarkeit auf die spätmittelalterlichen Verhältnisse.

In den weiteren Fällen, die im zweiten Projektabschnitt bearbeitet wurden, handelte es sich wiederum um politisch eindeutige koloniale Situationen, in denen die Mendikanten (und ihre Förderer) in unterschiedlich intensivem Kontakt zu den einheimischen orthodoxen Christen standen: das venezianisch dominierte Kreta, das französische Zypern der Lusignans und die genuesisch kontrollierte Ost-Ägäis (Chios). In der dritten und ab­schließenden Projektlaufzeit stand der regionale Forschungsschwerpunkt Spanien als Kontakt­bereich zwischen Christentum und Islam auf dem Plan.